Alle Beiträge von Uwe Techt

Uwe Techt, Geschäftsführer der VISTEM GmbH & Co. KG, gilt als Vorreiter im deutschsprachigen Raum für die Nutzung der Theory of Constraints (TOC) und des Critical Chain Projektmanagements. Der strategische Denker für Durchbruchsinnovationen, Topmanagement Coach und Autor ist auch gefragt als Speaker.

Industrie 4.0 – Warum Veränderungsinitiativen scheitern

Ohne Engagement ist jede Initiative im Unternehmen Richtung IoT zum Scheitern verurteilt. Es entsteht keine Veränderungsdynamik. Eine oft abwartende Haltung der Mitarbeiter führt dazu, dass Industrie 4.0 keinen “Fahrtwind” aufnimmt und vor sich hindümpelt. Übernehmen auch die Entscheidungsträger keine Verantwortung, werden meist nicht genügend Ressourcen und Zeit für die Umsetzung bereitgestellt. Die Mitarbeiter gehen davon aus, dass es in Ordnung ist, die Hände erst einmal abwartend in den Schoß zu legen – schließlich merken sie, dass auch das Management nicht voll und ganz hinter der Veränderungsinitiative steht. Ein Teufelskreis!

Individuelle Einschätzung

Das Gefühl der Dringlichkeit im Unternehmen ist eine notwendige Voraussetzung für eine sinnvolle Veränderung. Dabei reicht die Unterstützung des Managements nicht aus. Wirklich alle betroffenen Mitarbeiter müssen daran glauben, dass die Veränderungsinitiative sinnvoll und richtig ist. Wichtig ist dabei zu berücksichtigen, dass jeder etwas anderes als dringlich (oder auch nicht) einstuft: Der Unternehmer hat beispielsweise die Dringlichkeit, die Einnahmen zu steigern. Ein Projektmanager empfindet Dringlichkeit, sein Projekt schneller fertigzustellen. Mitarbeiter wiederum wollen jeder für sich eine bestimmte Aufgabe mit hoher Dringlichkeit beenden. Eines ist allerdings gleich: Wir alle reagieren nicht auf eine Dringlichkeit, die wir nicht selbst empfinden.

(Zu) Hohe Erwartungen  

In der Praxis verkaufen Führungskräfte Veränderungsinitiativen oft dadurch, dass sie unrealistische Ergebnisse versprechen: „Wenn wir die folgenden Technologien implementieren, werden wir unglaubliche Vorteile erzielen”. Fakt ist sehr oft: Auch nach Wochen oder Monaten harter Arbeit, bringt das Vorhaben nicht einmal annähernd die versprochenen Resultate. Ein perfektes Beispiel dafür, wie das Vertrauen der Mitarbeiter zerstört wird. Noch schlimmer ist: Geschieht dies öfter, wird systematisch eine Kultur des Misstrauens erzeugt.

Zerstörtes Vertrauen wiederherstellen

Auch wenn es nicht einfach ist, das Vertrauen wiederherzustellen, lohnt es sich immer, daran zu arbeiten. Eine gute Möglichkeit: Mit allen Beteiligten werden realistische Erwartungen formuliert und klare Maßnahmen festgelegt, um die Erwartungen zu erfüllen. Der Fortschritt der Initiative wird außerdem regelmäßig dokumentiert und kommuniziert. Dadurch wird für alle sichtbar, ob die zu erwartenden Ergebnisse erfüllt werden – und falls nicht, zumindest eine Erklärung abgegeben, warum sie nicht erfüllt werden. Die Erwartungen sollten ausreichen, um die Vision und die damit verbundene Dringlichkeit hinreichend zu erfüllen. Grundsätzlich gilt: „Führungskräfte können das Vertrauen ihrer Mitarbeiter am einfachsten zurückgewinnen, indem sie es niemals verlieren.”

Dauerhafte Lösung

Jede Veränderungsinitiative wird nur dann erfolgreich sein, wenn die Mitarbeiter bereit sind, einer Lösung dauerhaft zu vertrauen. Sie müssen davon überzeugt sein, dass die individuell wahrgenommenen Vorteile gegenüber den individuell wahrgenommenen Kosten/Nachteilen dauerhaft überwiegen. Die Unvermeidlichkeit von Änderungen in der Geschäftswelt bedeutet, dass sich das Fenster für jede Veränderungsinitiative jederzeit unerwartet schließen kann. Das bedeutet, dass jede Implementierung nur einen sehr begrenzten Zeitrahmen zur Verfügung hat, um die Änderungen im Unternehmen zu verfestigen. Sind die geeigneten Prozesse nicht vor dem nächsten Erdbeben verankert, wird die Initiative früher oder später in Schwierigkeiten geraten.

Industrie 4.0 – wie die Einführung gelingt

Einschneidende technische Entwicklungen gab es zu jeder Zeit und auch heute noch gilt: Wer sich neuen Technologien öffnet, setzt damit den ersten Schritt auf der Erfolgsspur. Verbunden allerdings mit einem großen Risiko: Topmanager verlieren den Fokus, weil sie zu viele verschiedene Maßnahmen, Initiativen und Verbesserungsprojekte gleichzeitig starten. Parallel erzeugen etablierte Steuerungs- und Kennzahlensysteme oft zusätzlich Handlungskonflikte und sorgen so für eklatante Verzögerungen. Um den Fokus richtig zu setzen, sollten sich Entscheider an drei zentralen Fragen orientieren:

  • Wie kann der Normalbetrieb des Unternehmens unabhängig von einem Eingreifen lukrativ laufen?
  • Wie baut das Management ein Steuerungssystem auf, das keine Zielkonflikte, sondern eine gemeinsame Zielorientierung erzeugt?
  • Wie funktioniert es, sich auf die Aktivitäten zu konzentrieren, die das Unternehmen heute und morgen deutlich voranbringen?

Nicht nur lokale Optimierungen

Im Rahmen der Industrie 4.0 finden Optimierungen nicht selten nur lokal statt. Diese Verbesserungen in einem Bereich bedingen vielmals Verschlechterungen in anderen Bereichen. Es entsteht ein zusätzlicher Bedarf an Verbesserungsideen und –initiativen, sodass Projekte um Ressourcen und Aufmerksamkeit konkurrieren. Die Entwicklung von Strategien und wichtige Entscheidungen bleiben auf der Strecke. Werden folglich die falschen Zukunftsziele fokussiert oder findet überhaupt keine Fokussierung statt, bleibt ganz schnell auch der wirtschaftliche Erfolg aus.

Messbare Verbesserungen durch Fokus im Management

Nur sehr wenige Faktoren bestimmen jeweils zu einem bestimmten Zeitpunkt die Leistung des Unternehmens und haben zum Teil nachhaltige Auswirkungen. Eine am Engpass verlorene Stunde ist für das ganze System eine verlorene Stunde. Deshalb wird es für die Einführung neuer Technologien und den zukünftigen Erfolg immer wichtiger, sich zu fokussieren. Genau das führt zu kontinuierlichen, spür- und messbaren Verbesserungen. Dadurch fühlen sich Mitarbeiter im Unternehmen wohler und sind motivierter, auch neue Entwicklungen mitzutragen und voranzutreiben. Angestrebte Ergebnisse werden schneller erreicht und durch fokussierte Initiativen auch qualitativ besser.

Industrie 4.0 ist auch nur ein Projekt

Die Anpassungen an die Industrie 4.0 müssen im Unternehmen parallel zu bereits bestehenden Projekten erfolgen und reihen sich so ins Multiprojekt-Geschäft ein. Wichtig: Erst wenn der Wandel selbst als vollwertiges und zukunftsträchtiges Projekt gesehen wird, können Unternehmen den Weg erfolgreich gehen. Damit die notwendigen Anpassungsprozesse nicht ins Stocken geraten, ist eine durchdachte Vorgehensweise erforderlich: Eine einfache, engpassorientierte Steuerung, eindeutige und robuste Prioritäten, Unternehmens- statt Bereichs-Optimierung sowie ein Fokus auf Geschwindigkeit sorgen dafür, dass das Projekt Industrie 4.0 tatsächlich fließt. Unternehmen mit einem hohen negativen Multitasking-Anteil sind deutlich weniger erfolgreich. Umgekehrt gilt: Wird in Unternehmen Projektmanagement tatsächlich gelebt, ist der negative Multitasking-Einfluss deutlich geringer. Um den eigenen Multitasking Score herauszufinden, gibt es eine einfache und schnelle Möglichkeit. Die neun Fragen zum Multitasking und zum Potential stehen in Form eines Onlinetests zur Verfügung.

Die Physik des Erfolgs durch Fokussierung besagt: Die konsequente und zielführende Anwendung des Grundsatzes „Tun, was getan werden muss“ erzeugt eine positive Wirkung. Im Fokus einer Veränderungsinitiative sollte deshalb immer das ganze Unternehmen liegen und niemals nur ein Teilbereich. Das gilt insbesondere für die großen Weichenstellungen der Industrie 4.0 und die damit verbundenen Entwicklungen hin zum Connected Enterprise.