Alle Beiträge von Andreas Wagener

Die Akzeptanz von Smart Metern als Voraussetzung für „Energie 4.0“

Die Energiewirtschaft befindet sich in einem Spannungsfeld zwischen Wirtschaftlichkeit, Versorgungssicherheit und Klimaverträglichkeit. So soll im Rahmen der Energiewende bis 2022 das letzte deutsche Kernkraftwerk abgeschaltet sein und der Anteil erneuerbarer Energien im deutschen Strom-Mix spätestens 2050 bei 80 Prozent liegen. Der Digitalisierung kommt bei der Errichtung eines nachhaltigen und sicheren Energiesystems eine Schlüsselrolle zu, die digitale Infrastruktur soll eine erfolgreiche Verbindung von über 1,5 Millionen Stromerzeugern und Verbrauchern gewährleisten.

Kein Erfolg von Smart Meter ohne Akzeptanz der Kunden

Um die Potenziale der Technologie jedoch auszuschöpfen, müssen die Vorteile vom Nutzer erkannt und die Funktionen aktiv genutzt werden. Für den Erfolg der Digitalisierung im Energiesektor ist es unerlässlich, das Spektrum der Möglichkeiten den Kunden bekannt zu machen und die Akzeptanz der Endverbraucher sicherzustellen. Welcher Kenntnisstand und welche Einstellungen bei den Konsumenten derzeit vorzufinden sind und welche Strategien und Maßnahmen es hier zu ergreifen gilt, untersucht eine aktuellen Studie der Hochschule Hof.

Bekanntheit in der Bevölkerung und Akzeptanz

Gemäß den Untersuchungsergebnissen ist etwa der Hälfte der befragten Endverbraucher der Begriff „Smart Meter“ bekannt. Die Akzeptanz der Technologie ist u.a. offensichtlich auch altersabhängig: Insbesondere die 18-29 jährigen stehen der Innovation tendenziell positiv gegenüber. Dabei spielen allerdings die Kosten eine entscheidende Rolle. Die Bereitschaft zur Nutzung von Smart Metern sinkt deutlich, wenn die Betriebskosten durch die Anwender selbst getragen werden müssten. Eine höhere Akzeptanz zeigt sich zudem auch, wenn man selbst für die Stromrechnung verantwortlich oder nicht Mieter, sondern selbst Eigentümer einer Immobilie ist. Auch ein vergleichsweise höheres Einkommen kann als ein Indikator für eine positivere Einstellung betrachtet werden.

Skala von 1-6, 1=“stimme überhaupt nicht zu“, 6=“stimme voll u. ganz zu“ (Riester 2017)

Erwarteter Nutzen von Smart Meter

Der größte Nutzen der Technologie wird vor allem in der Transparenz des Energieverbrauchs und den möglichen Einsparpotenzialen gesehen. Gerade bei letzterem sind jedoch diejenigen, die die Innovation ablehnen, am skeptischsten.

Skala von 1-6, 1=“stimme überhaupt nicht zu“, 6=“stimme voll u. ganz zu“ (Riester 2017)

Wahrgenommene Risiken von Smart Meter

Die Risiken werden vor allem im Bereich der Datenhoheit gesehen. Viele Befragte fürchten einen Einblick in ihre Privatsphäre und die Möglichkeit, aus der Erfassung ihres Stromverbrauchs Profile zu erstellen sowie Rückschlüsse auf Lebensgewohnheiten zu ziehen. Während naturgemäß diese Haltung bei den „Ablehnern“ stärker ausgeprägt ist, zeigt sich jedoch selbst bei den Befürwortern eine relativ kritische Wahrnehmung dieser Szenarien.

Skala von 1-6, 1=“stimme überhaupt nicht zu“, 6=“stimme voll u. ganz zu“ (Riester 2017)

Datenhoheit als Erfolgsfaktor

Insgesamt zeigt sich, dass noch ein gutes Stück Überzeugungsarbeit geleistet werden muss, um eine ausreichende Akzeptanz von Smart Meter in breiteren Bevölkerungsteilen zu erzielen. Ein flächendeckendes Marketing ist vonnöten, um die Widerstände in der Bevölkerung abzubauen. Ganz entscheidend ist dabei – wie eigentlich bei allen digitalen Innovationen im Kontext von „Industrie 4.0“ und dem „Internet der Dinge“ -, dass die Sorge um die Datenhoheit der Endverbraucher ernst genommen wird. Akzeptanz oder Nicht-Akzeptanz – und damit die Frage nach Erfolg oder Misserfolg – ist stark mit der Lösung dieses Problems verbunden.  

Die Studie kann hier heruntergeladen werden.  

Quelle: Julia Riester (2017): Energie 4.0 – Die Digitalisierung der Energiewirtschaft. Eine empirische Untersuchung zur verbraucherseitigen Akzeptanz der Smart Meter Technologie und Implikationen für deren Vermarktung. In: Wagener, Andreas: Hofer Akademische Schriften zur Digitalen Ökonomie, Band 6, Hof. ISBN: 978-3-935565-29-5 

Influencer-Marketing für die Nische

Mit dem Begriff „Influencer-Marketing“ wird heute meist der Einsatz von prominenten Bloggern, Youtubern oder Instagramnutzern für klassische Testimonialzwecke in der Produkt- und Markenkommunikation beschrieben. Ziel ist es dabei, die Popularität dieser Influencer, ihre Multiplikatorenfunktion sowie ihren Einfluss auf die Meinungsbildung in der jeweiligen Zielgruppe zu nutzen, um Einstellungen und Kaufentscheidungsprozesse entsprechend zu beeinflussen. Unternehmen setzen dieses Instrument für PR-Aktionen und vor allem für ein mehr oder minder dezentes Productplacement bis hin zu nachdrücklichen Produktempfehlungen durch ausgewählte Influencer ein.

Kaffeefahrt auf Youtube

Bisher richtete sich dabei der Fokus vor allem auf eine möglichst hohe Reichweite, auf den Konsumgütermarkt und auf die Altersgruppe der Teens und Twens. Im Fokus standen bisher meist entsprechende Protagonisten wie „Bibi“, „DagiBee“ oder „Sami Slimani“ und deren nicht selten in die Millionen reichende Anhängerschaft. Man darf diese Kategorie mit Fug und Recht als „Stars“ in ihrem Segment bezeichnen, deren medialer Einfluss für einen gewaltigen Umsatzhebel steht. Legendär etwa sind die „DM-Hauls“ der Youtuberin „Bibi“ (auf ihrem Youtube-Kanal „Bibis Beauty Palace“), die millionenfach abgerufen werden und de facto nichts weiter als digitale Verkaufsveranstaltungen mit Kaffeefahrtcharakter sind.

Künstler und Sportler als klassische Influencer

Natürlich sind daneben, wie eh und jeh, „klassische“ Prominente wie Musiker, Schauspieler und Sportler als Influencer gefragt. Schon lange bemisst sich das Einkommen eines Top-Fußballprofis nur zum Teil aus der Entgeltung seiner spielerischen Leistungen, Sponsorengelder machen stets einen großen Anteil aus. Dieser Werbeeinsatz muss nicht immer marktschreierisch erfolgen. Der Kopfhörerhersteller „beats“ etwa stattete den deutsche Nationalspieler Bastian Schweinsteiger mit seinen Produkten zur WM2014 Brasilien aus, der dann auf seinem Facebookprofil, scheinbar Privatheit dokumentierend, entsprechend stimmungsvolle Bilder von sich am Strand von Fortalezza in der Abendsonne veröffentlichte – die Kopfhörer der Kultmarke dabei stets im Einsatz.

Influencer ohne Prominenz?

Gemein ist all diesen Meinungsbildnern und „Beeinflussern“, dass sie bereits über enorme mediale Aufmerksamkeit verfügen, die eine übergreifende Reichweite garantiert – entsprechend sind auch die Kosten für Werbung treibende Unternehmen in diesem Umfeld anzusetzen. Die Frage ist jedoch, wie lässt sich der Mitteleinsatz in diesem Kontext optimieren? Und ist der Einsatz des Influencer Marketings tatsächlich nur mit großen Budgets möglich und auf Massenmärkte beschränkt? Besteht nicht auch die Möglichkeit, dieses Prinzip ebenso für Nischenprodukte und im B2B- und Investitionsgüterumfeld anzuwenden? Bedarf es tatsächlich teurer Prominenz, um Multiplikatorfunktionen ausüben zu können? Oder ist es nicht doch auch möglich, mit „kleinem Geld“ effizient die Meinungsbildung im Rahmen des Kaufentscheidungsprozesses zu beeinflussen?

Buchverlagsbranche als Vorreiter des Influencer-Marketings?

Dieser Wirkmechanismus ist jedoch keinesfalls auf Masse und Reichweite beschränkt. Dass dies auch im kleinen Rahmen funktionieren kann und es keines großen Publikums bedarf, um über gezieltes Influencer-Marketing in die Kaufentscheidungsfindung einzugreifen, zeigt eindrucksvoll die Buchverlagsbranche, vor allem im Bereich der Belletristik: Schon seit jeher ist es im Verlagsmarketing üblich, Rezensionsexemplare kostenlos potenziellen Rezensenten zu überlassen. Waren dies in der Vergangenheit meist Journalisten, von denen man sich eine möglichst wohlwollende Besprechung in einer Zeitung oder Zeitschrift erhoffte, setzt man heute hierfür verstärkt auf die Rekrutierung einflussreicher Leser – also tatsächlicher oder potenzieller Kunden.

Digitale „Lesezirkel“ als Fundstelle für potenzielle Influencer

Dabei können die Verlage heute, neben einzelnen Buchbloggern, auch auf groß angelegte Buch-Communities im Netz zurückgreifen, auf denen sich Leser und Buchliebhaber wie in einem „digitalen Lesezirkel“, austauschen. Findige Plattformen, wie etwa Lovelybooks.de oder das zum Ullstein-Verlag gehörende vorablesen.de haben hier ein Geschäftsmodell erkannt, indem sie interessierten Verlagen gehen Bezahlung den Zugang zu Communitymitgliedern ermöglichen und Rezensionen durch diese zentral koordinieren. Die Einbindung der Mitglieder solcher Netzplattformen für eine Buchbesprechung ist inzwischen Gang und Gäbe.

Influencer-Leistung ohne Kosten

Für die Verfassung und Platzierung der Rezension fließt in der Regel an den Rezensenten kein Geld, dieser erhält jedoch kostenlos das Buch. Eine Garantie, dass dabei auch eine gute und damit tatsächlich verkaufsfördernde Kritik zustande kommt, gibt es nicht. Eine entsprechende direkte Aufforderung der Plattformbetreiber oder der Verlage würde sicherlich kontraproduktiv wirken. Dennoch besteht die Möglichkeit, auf Seiten der Communitybetreiber, auch ohne die „Netiquette“ zu verletzen, in diesen Prozess im Sinne der Auftrag gebenden Verlage einzugreifen und die Erfolgswahrscheinlichkeiten solcher Maßnahmen zu erhöhen.

Qualität vor Quantität

Beispielhaft kann hier das Projekt namens „The Underground Book Club“ (UGBC), angeführt werden: Um die Neuerscheinung mit dem Titel „Dracula in Love“ gezielt zu vermarkten, identifizierte man aus einem bestehenden Profilpool von 50.000 registrierten Nutzern potenzielle Influencer anhand ihrer Leseinteressen und ihrer Reichweite in den Sozialen Medien. Diese wurden aufgefordert, sich als „Brand Ambassador“ zu bewerben. Aus den ein-gegangenen Bewerbungen filterte man in weiteren aufeinander aufbauenden Runden schließlich 55 Kandidaten heraus, die die zuvor definierten Zielgruppenkriterien nahezu perfekt erfüllten und deren bisheriges Communityverhalten auf eine höhere Wahrscheinlichkeit einer positiven Besprechung hindeutete. In der Folge wurde dieser Personenkreis mit Vorabdrucken sowie weiterem exklusiven Insiderwissen und entsprechendem Kommunikationsmaterial zur Verbreitung über die jeweils eigenen Social Media Kanäle ausgestattet. Die somit installierten Multiplikatoren konnten auf diese Weise dann zielgruppenaffin, mit geringen Streuverlusten und hoher Authentizität agieren – laut Beteiligten ein großer Erfolg, auch mit Blick auf das Preisleistungsverhältnis, denn die Influencer erhielten – auch aus Gründen der Glaubwürdigkeit – kein Geld für ihren Einsatz, sondern waren mit der herausgehobenen Rolle und dem übertragenden Insiderwissen offenbar ausreichend zufrieden gestellt.

Das Prinzip „Amazon-Vine“

Auch Amazon ist auf diesem Feld mit seinem Angebot „Vine“ aktiv. Dabei kann der US-Handelsriese auf seine weit verzweigte Plattform sowie auf das dortige rege Rezensionsaufkommen zurückgreifen. Interessierte Unternehmen können hier Besprechungen ihrer Produkte „bestellen“. Amazon beschafft dann aus seiner großen Rezensentendatenbank die adäquaten Produkttester. Grundsätzlich – darauf legt Amazon wert – sind diese in ihrem Urteil frei, könnten also theoretisch auch eine negative Kritik verfassen und publizieren. Die Vine-Rezensionen werden mit einem grünen Logo markiert. Schaut man sich diese genauer an, fällt auf, dass hier tatsächlich jedoch nur wenig negative Produktkritiken zu finden sind.

Selbstregulierendes System wohlwollender Rezensionen

Neben einer gezielten Auswahl der Rezensenten liegt das sicherlich auch darin begründet, dass die besprochenen Produkte von den Testern behalten werden dürfen. Da Amazon schon seit geraumer Zeit das Vineprogramm auch auf andere Produkte, insbesondere im Elektronikbereich ausgeweitet hat, besteht ein nicht zu unterschätzender Anreiz, weiterhin dem Kreis der Vine-Mitglieder anzugehören, um auch in Zukunft in den Genuss dieser kostenfreien Produkte zu gelangen. Insofern steht also auch die unausgesprochene Maßgabe im Raum, keine vernichtenden Bewertungen abzugeben, was den Erwartungen der Werbung treibenden Unternehmen sicherlich entgegenkommt. Wichtiges Kriterium bei der Auswahl der Rezensenten ist ihre Verankerung und ihr Status in der Community, der sich bei Amazon anhand der Anzahl der Rezensionen und deren Bewertungen durch andere Plattformnutzer bemisst. Es ist zu vermuten, dass darüber hinaus auch weitere Daten basierte Analysen in die Entscheidung, wer aus dem Kundenkreis als „Influencer“ genutzt werden kann, miteinfließen.

Daten als Grundlage des strategischen Influencer-Marketings

Während Amazon dabei insbesondere auf seine in Fülle selbst erhobenen Produkt- und Nutzerdaten zurückgreifen kann, ist grundsätzlich auch denkbar, hier verfügbare externe Daten, insbesondere aus dem Social Media Umfeld zu nutzen oder mit diesen zu kombinieren. Neben Informationen über das Kauf- und Konsumverhalten aus dem CRM-System sowie einer Bewertung des  vorangegangen Bewertungsverhaltens könnte über einen entsprechenden Einsatz von Social Monitoring Software auch auf die Systematik der  „Sozialen Netzwerk Analyse“ (SNA) zurückgegriffen werden.

Anwendung der SNA auf das Influencer-Marketing

Die SNA ist ein Konzept, das ursprünglich in der Soziologie als Instrument zur Erfassung, Darstellung und Analyse von sozialen Beziehungen entwickelt wurde. Im Mittelpunkt des Interesses stehen dabei die Verbindungen und gegenseitigen Abhängigkeiten der einzelnen Akteure und Gruppen innerhalb von Netzwerken. Das Zusammenspiel der Netzteilnehmer lässt sich durch Positionsbestimmungen sowie durch die Art und Intensität der untereinander gepflegten Beziehungen beschreiben. Auf diese Weise ist es etwa auch möglich, die Rolle jedes einzelnen Akteurs hinsichtlich seiner Prominenz oder Relevanz im Netzwerk zu bewerten. Dessen Eignungen als Multiplikator und Meinungsbildner ließen sich aus der Analyse ihrer Netzwerkposition ableiten.

Analytische Herangehensweise

Mit Hilfe der Bewertung und Ermittlung von Zentralitäten sowie der Qualität von Beziehungen und den Zugangswegen zu wichtigen Netzwerkteilen schafft man auf diese Weise eine analytische Grundlage für ein flächendeckendes Influencer-Marketing, auch in der Nische.

Influencer müssen keine Millionen an Fans aufweisen, um relevant zu sein. Wie so oft gilt auch hier, Qualität sticht Quantität. Das gilt gerade für das B2B-Marketing.

 

Informationen zu den Details der „Sozialen Netzwerkanalyse“ und der Anwendbarkeit im skizzierten Kontext finden Sie hier.

 

Der Beitrag ist die gekürzte Version eines ursprünglich auf nerdwärts.de erschienen Artikels.

Blended Intelligence – Pimp my Brain!

Kaum eine Diskussion um Wohl und Wehe der Digitalisierung kommt in jüngster Zeit ohne den Begriff der „Künstlichen Intelligenz“ („KI“) aus. Allerlei mögliche Szenarien werden zur Erfassung dieses Phänomens bemüht, von autonom agierenden digitalen „Chatbots“ – wie sie heute schon in sozialen Netzwerken oder als Hardware-gewordene Version in Form von Amazons „Echo“ und dem Sprachassistenten „Google Home“ Wirklichkeit sind – bis hin zur Herrschaft der Maschinen und der vollständigen Vernichtung der Menschheit.

Und was ist wirklich „Künstliche Intelligenz“?

In Wahrheit tun wir uns jedoch schwer, die tatsächliche Tragweite und Bedeutung dieser Entwicklung zu erfassen. Das liegt unter anderem daran, dass es sich bereits als schwierig erweist, ein einheitliches Verständnis von Intelligenz überhaupt zu finden. Auch eine einheitliche Definition von „Künstlicher Intelligenz“ gibt es nicht. Allerdings besteht weitgehend Einigkeit über bestimmte beschreibende Merkmale. Dazu gehören etwa die Fähigkeit, Muster und Logiken zu erkennen (etwa in Texten oder Bildern), Voraussagungen auf dieser Basis abzugeben und über geschriebene oder gesprochene Worte kommunizieren zu können. Als maßgeblich gilt jedoch die Fertigkeit zu lernen, also aus vorausgegangenen Tätigkeiten eigenständig Verbesserungen abzuleiten und autonom Kriterien zur Beurteilung von Sachverhalten aufzustellen.

Vom Automatismus der Chatbots zu „echter“ Intelligenz

Die meisten Chatbots erfüllen zumindest diese letzten Eigenschaften in der Regel nicht. Als klassisches Beispiel wird hingegen oft Googles Alpha Go angeführt, die Künstliche Intelligenz, die es geschafft hat, beim asiatischen Brettspiel „Go“ den Großmeister Lee Sedol zu bezwingen. Nun gab es in der Vergangenheit bereits mit Deep Blue einen Computer, der beim Schach den Weltmeister Gari Kasparow in die Knie zwang. Go unterscheidet sich jedoch wesentlich von Schach; es gilt als hochkompliziert und bislang als kaum für eine Computersimulation programmierbar. Anders als bei Schachsimulationen hat die KI von Google neue Spielzüge selbst gefunden und Zugkombinationen entwickelt, die man bei menschlichen Spielern so zuvor noch nie gesehen hatte. Diese maschinell erbrachte „Geistesleistung“ gilt gemeinhin als Beleg für eine Künstliche Intelligenz.

Künstliche Kreativität

Gerade diesem Feld wird derzeit eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt, so dass hier in den nächsten Jahren von erheblichen Entwicklungssprüngen ausgegangen werden kann. Künstliche Intelligenzen werden heute bereits, aufgrund ihrer Fähigkeit, eigenständig logische Zusammenhänge zu erkennen, eingesetzt, um auf dieser Basis Entscheidungen zu treffen – ohne dass es noch eines menschlichen Eingreifens bedürfte. Selbst kreative Leistungen werden durch KI erbracht. Google etwa lässt sein lernendes System „Magenta“ Kunstwerke erstellen, sogar die Komposition von Musik oder auch das eigenständige Verfassen von Prosa wurden bereits erfolgreich erprobt.

Intelligente Robotik und selbststeuernde Drohnen

Die Firma Boston Dynamics stellt Roboter her, die Menschen in verschiedenen Situationen zur Hand gehen. Sie können im Haushalt helfen, räumen die Geschirrspülmaschine ein und schaffen es dabei, ein Glas von einer leeren Bierdose zu unterscheiden – in der Gewissheit, dass letztere nicht in den Abwasch gehört, sondern zielsicher in den Mülleimer zu sortieren ist. Diese Systeme agieren völlig unabhängig von einer menschlichen Steuerung und wirken dabei eher wie ein intelligentes mechanisches Haustier. In der Industrie sind Roboter schon lange im Einsatz, um verlässlich sich wiederholende Aufgaben zu erfüllen, nun werden diese jedoch immer mehr mit einem eigenen Handlungs- und Entscheidungsrahmen ausgestattet. Darunter können unterstützende Tätigkeiten fallen, wie etwa ein Paket von A nach B zu bringen oder bestimmte Sortierungs- und Erfassungsarbeiten zu übernehmen. Es gibt inzwischen auch schon selbst steuernde Drohnen, die eigenständig die Bestandsaufnahme des Inventars in einer Lagerhalle übernehmen. Inzwischen werden Künstliche Intelligenzen sogar als Führungskräfte eingesetzt. Hitachi greift in der Logistik auf eine KI zurück, die den Mitarbeitern Handlungsanweisungen gibt, etwa für die Pack- oder Lieferreihenfolge.

Autonome Roboter in der militärischen Nutzung

Eigentlich lag jedoch der Ursprung dieser intelligenten Roboter in der militärischen Nutzung. Als Lastenträger steuern sie sich heute bereits selbst und finden eigenhändig den Weg zum vorgegebenen Ziel, auch durch unwegsames Gelände. Im Kampfeinsatz müssen diese Roboter jedoch auch tiefergreifende Entscheidungen treffen. Als autonome Kriegssysteme werden sie inzwischen mit Waffen ausgestattet und könnten in naher Zukunft selbstständig über deren Einsatz befinden. Laut einem Arbeitspapier der US-Army will diese bis spätestens zum Jahr 2030 auf derartige autonome Systeme zur Kriegsführung zurückgreifen. Die Entscheidung über Leben und Tod wäre also dann vollständig in der Hand von Maschinen.

„Singularität“: Science Fiction oder konkrete Bedrohung?

Was wie ein klassisches Narrativ aus der Science Fiction klingt, ist damit heute greifbar nah. Ohne Zweifel drängen sich an dieser Stelle Bilder aus den Kino-Blockbustern „Terminator“ oder „Matrix“ auf, deren Geschichte darum kreist, dass in einer fernen Zukunft die Maschinen die Macht über die Menschheit ergriffen haben und diese wahlweise eliminieren (Terminator) oder unterwerfen und ausbeuten (Matrix). In der akademischen Diskussion versucht man diese Thematik mit der Frage nach der sogenannten „Singularität“ Herr zu werden. Damit wird der Zeitpunkt definiert, an dem die Maschinen und Künstliche Intelligenzen uns Menschen in der Leistungsfähigkeit, insbesondere kognitiv überholt haben werden. Es besteht dabei Uneinigkeit darüber, ob das nun eine Bedrohung oder einen Segen für die Menschheit darstellt. Auch die Frage, was wir Menschen dann mit unserer ganzen Freizeit anfangen, wenn die Maschinen uns alle Arbeit abgenommen haben, wird in diesem Kontext diskutiert, etwa im Rahmen der Überlegungen zu einem „bedingungslosen Grundeinkommen“, das vielen nach Eintritt der Singularität als unvermeidlich erscheint. Denn wenn bei der zunehmenden Intelligenz von Maschinen und Robotern diesen zunehmend mehr Arbeit übertragen wird – schlichtweg weil sie viele Tätigkeiten besser als ein Mensch erfüllen können – so bleibt letztlich immer weniger für den Menschen zu tun. Die Folgen wären weitreichende Arbeitslosigkeit und gähnende Langeweile aller Orten. Das allein stellt, auch ohne Weltuntergangsszenarien, bereits zweifelslos eine große gesellschaftliche Herausforderung dar.

Cyborgs & Kognitiver Transhumanismus

Damit rückt ein anderes, ebenfalls der Science Fiction entlehntes Szenario in den Fokus: Eine Möglichkeit wäre, die Errungenschaften der Digitalisierung zu nutzen, um den Menschen als solchen zu „verbessern“ und auf diese Weise den sich entwickelnden Maschinen entgegenzustellen. Im Prinzip bedeutet dies eine Verschmelzung von Mensch und Technik – die Schaffung von „Cyborgs“. Auch wenn manchem dabei zunächst das Bild von mit ihren Smartphones verwachsen scheinende Teenager in den Kopf kommen mag: Tatsächlich gibt es heute bereits Menschen, die sich Chips einpflanzen lassen, um ihre Fähigkeiten zu erweitern. Manche tragen Magnete unter der Haut, um einen weiteren Sinn zu gewinnen – die Fingerspitzen vibrieren, wenn man sich einem elektromagnetischen Feld nähert – andere implantieren sich RFID-Chips, mit denen eine Authentifizierung in Schließsystemen vorgenommen werden kann, zum Beispiel um einen Kopierer „freizuschalten“.

„Pimp my Brain!“: Blended Intelligence als Antwort auf die Intelligenz der Maschinen

Neben diesem eher profanen menschlichen „Tuning“ rückt zunehmend das Phänomen der „Blended Intelligence“ in den Vordergrund, welches auf die Erweiterung der kognitiven menschlichen Fähigkeiten zielt. Das menschliche Gehirn ist schon länger im Visier der einschlägigen Forschung. Bereits heute werden Epilepsie-Patienten mit einem „Gehirnschrittmacher“ ausgestattet. Die EU hat 2015 eine Milliarde Euro in das „Human Brain Project“ investiert, mit dem Ziel, einzelne Bereiche des menschlichen Gehirns durch künstliche Bestandteile wie Computerchips zu ersetzen, um auf diese Weise Krankheiten wie Parkinson zu heilen. Die Möglichkeiten sind damit jedoch nicht auf medizinische Anwendungen allein beschränkt. Das Gehirn gilt vielen als die ultimative „Schnittstelle“ der Zukunft. Eine Umfrage des Bundesforschungsministeriums im Jahr 2015 ergab, dass 51% der Deutschen sich vorstellen könnten, sich Implantate ins Gehirn einsetzen zu lassen, wenn diese zur „Steigerung der geistigen Fähigkeiten“ beitrügen, also etwa um die Konzentration oder die Gedächtnisleistung zu verbessern. Auch die Steuerung von externen Geräten und Computern, die bisher noch klassischer Eingabegeräte wie Tastatur oder PC-Maus bedürfen, soll in Zukunft direkt über das Gehirn erfolgen. Tatsächlich gibt es aktuell schon vielversprechende Versuche, die Erfassung der Gehirnströme zur Steuerung von Flug-Drohnen zu nutzen. Auch simple Gedankenübertragung von einem Menschen auf den anderen – die Übermittlung der Worte „ja“ und „nein“ – ist über die Codierung der Gehirnströme bereits erfolgreich durchgeführt worden.

Gehirnprothesen & Implantate für Gedanken?

Ein Haupttreiber dieser Entwicklungen ist die „DARPA“, gewissermaßen der akademische Arm des US-Militärs. Um kriegsversehrte Veteranen zu unterstützen hat diese maßgeblich zu den Erfolgen auf dem Gebiet der Prothesenentwicklung beigetragen. Jedoch sind Kriegsverletzungen nicht immer auf den Verlust eines Armes oder Beines beschränkt – auch solche künstlichen Extremitäten lassen sich inzwischen recht filigran „neurologisch“ steuern – die Folgen von Kampfeinsätzen sind allzu oft auch psychischer Natur. Und auch hierfür versucht man Behandlungsmöglichkeiten bereitzustellen. Selbst Gedächtnisverlust soll in Zukunft mit entsprechenden Implantaten therapiert bzw. sollen die Erinnerungen wieder im Gehirn rekonstruiert werden. Das setzte allerdings voraus, dass diese bereits vor dem Kampfeinsatz „abgespeichert“ worden sein müssten. Aus heutiger Sicht ist das noch schwer vorstellbar. Aber tatsächlich ruht ein gewichtiger Fokus der Forschung auf diesem Bereich.

Moralische Fragen: Die Macht der Algorithmen

Künstliche Intelligenz und die „transhumanistische“ Vision vom technisierten Menschen und der digitalen Erweiterung seiner geistigen Fähigkeiten zur „Blended Intelligence“ überlagern sich in einigen Bereichen. Moralische Fragen drängen sich bei beiden Entwicklungsrichtungen auf, und wie bei jeder technischen Innovation liegen Nutzen und Schrecken jeweils nah beieinander. Wir lesen und hören heute viel davon, wie man Daten und Algorithmen nutzen kann, um Menschen zu manipulieren, auch um sie hinsichtlich ihrer Stimmabgabe bei eigentlich demokratischen Wahlen zu beeinflussen. Welche Rolle kommt dann hierbei Künstlicher Intelligenz zu? Auch wenn diese in der Lage ist, eigenständig hinzuzulernen, stellt sich die Frage, auf Grundlage welches Wertesystems diese ihre Entscheidungen trifft. Die EU fordert ein Recht auf Auskunft für ihre Bürger, wenn Algorithmen bei einer Entscheidung – etwa bei der Zuordnung zu einem Versicherungstarif – im Spiel waren. Die Faktoren dieser Entscheidungsfindung müssen offengelegt und für den Betroffenen transparent gemacht werden. Bei Künstlicher Intelligenz gestaltet sich das in der Realität oft schwierig. Denn diese hat sich ja meist ihre Prüf-Kriterien selbst erarbeitet, so dass es selbst den Entwicklern von KI mitunter schwerfällt, die Gründe für eine Entscheidung nachzuvollziehen.

Kann man Menschen „hacken“?

Für Künstliche Intelligenz wie auch für das menschliche „kognitive Upgrade“, des „Cyborgs“, erweist sich die Möglichkeit eines Eingriffs von außen als problematisch. Wenn es möglich ist, Erinnerungen zu speichern und zu einem späteren Zeitpunkt wiedereinzusetzen, kann man dann diese auch abändern oder manipulieren? Erinnert man sich dann tatsächlich an das, was gewesen ist oder an etwas, was andere einen glauben lassen wollen? Für die Psychotherapie ergäben sich daraus völlig neue Möglichkeiten, allerdings liegt das Gefahrenpotenzial ebenso auf der Hand. Kann man dann einen Menschen „hacken“? Und können wir es uns auf der anderen Seite überhaupt noch leisten, uns nicht technisch aufzurüsten? Aber wo liegen dann noch die Unterschiede zwischen Mensch und Maschine? Noch ist unklar, wie weit die Entwicklung tatsächlich reichen wird. Aber unbestreitbar ist: Nicht nur die Welt, in der wir leben, auch der Mensch selbst wird sich durch die Digitalisierung grundsätzlich verändern. Mit ihren Smartphones scheinbar verwachsene Teenager werden uns in der nun schon sehr nahen Zukunft der „Blended Intelligence“ bald wie ein Anachronismus vorkommen.  

Der Artikel wurde ursprünglich auf nerdwärts.de veröffentlicht.

Mehr zum Thema: Mehr zum Thema Cyborgs: Prof. Dr. Andreas Wagener. Professur für Digitales Marketing: eCommerce & Social Media, Hochschule Hof „Cyborg Economy Reloaded: Vom Cyborg zum Psyborg – wie die Digitalisierung das menschliche Bewusstsein, unsere Psyche sowie unsere intellektuellen Fähigkeiten verändert“ (Vortrag an der Hochschule Hof am 18.11.2015 im Rahmen der Ringvorlesung „Digitalisierung, Industrie 4.0 & das Internet der Dinge“ der Fakultät Wirtschaft an der Hochschule Hof.) #profwag   Mehr zum Thema Künstliche Intelligenz: Prof. Dr. Andreas Wagener. Professur für Digitales Marketing: eCommerce & Social Media, Hochschule Hof „Industrie 4.0, Datenökonomie und Künstliche Intelligenz: Wie Daten und Algorithmen Wirtschaft und Gesellschaft verändern“ (Vortrag an der Hochschule Hof am 26.10.2016 im Rahmen der Vortragsreihe „Digitale Wirtschaft, Industrie 4.0 und das ‚Internet der Dinge‘“ der Fakultät Wirtschaft der Hochschule Hof.) #profwag   Mehr zu Themen wie Industrie 4.0, Big Data, Künstliche Intelligenz, Digital Commerce und Digitaler Ökonomie finden Sie auf unserer Newsseite auf XING sowie auf Facebook.

Virtuelle Steuerung: Wenn die „Force“ aus Star Wars ins Smart Home einzieht

Das New Yorker Start-Up Hayo will die „virtuelle Fernbedienung“ von elektronischen Geräten und Smart-Home-Anwendungen mit bloßen Gesten und Körperbewegungen „in der Luft“ ermöglichen. Dazu wird ein 3D-Scan der entsprechenden Räumlichkeiten durchgeführt auf dessen Basis die Festlegung bestimmter Zonen oder auch beliebiger Oberflächen von Objekten als Anhaltspunkt für die Steuerung erfolgt. Mit einer App lassen sich dann die Geräte und Anwendungen auswählen, die auf diese Weise gesteuert werden sollen. Damit ist es etwa möglich, den Wasserhahn als Einschaltkonsole für den Fernseher zu definieren oder auch die Klimaanlage allein durch ein Winken mit der Hand zu regulieren – ein Effekt, der in der Tat an die „Force“ aus Star Wars erinnert, welche die Jedis in die Lage versetzt, ihre telekinetischen Fähigkeiten auszuüben. Auf der Crowdfunding-Plattform IndieGoGo wollen die Gründer US-$ 80.000,00 einwerben, um das Projekt zu realisieren. Von diesem Ziel ist man aktuell mit einer Summe von fast US-$ 69.000,00 nicht mehr weit entfernt. Das fertige Produkt soll über eine Open-Source-API für Drittanbieter und Entwickler verfügbar gemacht werden. Die Marktreife ist für Ende 2017 anvisiert. Das fertige Produkt soll für US-$ 299,00 angeboten werden. May the Force be with you!

Der Artikel erschien ursprünglich auf nerdwärts.de

Adblocker für das „echte“ Leben mit Virtual Reality Brille

AdBlocker im Netz, auf werbefinanzierten Seiten, sind ja gegenwärtig schon ein großes Thema. Das Prinzip, Werbung aus dem Sichtfeld zu verbannen, hat nun ein gewisser Jonathan Dubin auf das reale, echte Leben übertragen. Na ja, jedenfalls zum Teil, denn es bedarf dafür eines „Virtual Reality“-Endgerätes, wie einer Oculus Rift. Mit der VR-Brille auf den Augen, ausgestattet mit Dubins „Brand Killer Real Life AdBlocker“ können unliebsame Darstellungen, etwa Markenbilder, „verpixelt“ und damit unkenntlich angezeigt werden. So ist es möglich, die Werbemittel- und Markenreaktanz aus der Online- in die reale Welt zu übertragen (s. Video) Wir finden: eine Anwendung mit ungeheurem Potenzial, wie gemacht für Eskapisten: Anstatt ungewollter Werbung und Markenabbildungen lässt sich das Konzept sicherlich auch auf Gesichter ungeliebter Verwandter und Kollegen oder überhaupt auf alles, was wir in unserem Leben unsichtbar machen möchten, übertragen – die hausgemachte Filterbubble für das analoge Leben.

Der Artikel erschien ursprünglich auf nerdwärts.de

Wearables: Der Geruchssimulator für die Virtuelle Realität

Kenner der Animationsserie „South Park“ dürfen mit derartigen derben Humor vertraut sein: Politisch völlig unkorrekt wird geflucht, beschimpft, durch den Kakao gezogen, gestorben („Sie haben Kenny getötet“) und auch sonst allerlei unappetitliches Zeug getan – unter anderem auch herzhaft der zünftigen Flatulenz gehuldigt. In der aktuellen Spieladaption des Gamesproduzenten UbiSoft mit dem wunderschönen und nahezu hintergründigen Titel „The Fractured But Whole“ kann der geneigte Daddler nun ungezügelten Blähungen der Spielcharaktere freien Lauf lassen. Damit – ganz vierpunktnullig – das Ganze auch zu einer sinnesübergreifenden virtuellen Realität gerät, behauptet man auf Youtube, mit einem internationalen Entwicklerteam einen entsprechenden Nasenaufsatz entwickelt zu haben. Während die augenscheinlich als Vorbild  dienende VR-Brille Oculus Rift sich allein auf die optische Realitätsvorgaukelung beschränkt, stößt UbiSoft hiermit in gänzlich neue, nasale Dimensionen vor: Die „Nosulus Rift“ traktiert das menschliche Geruchsorgan, um somit ein reales Spielflair durch die olfaktorische Simulation von Blähungen zu erzeugen. Ach was, sehen Sie bitte selbst:

Der Artikel erschien ursprünglich auf nerdwärts.de

Wenn Daten das neue Öl sind, warum verhalten wir uns dann nicht auch so?

Springer-Chef Matthias Döpfner, BITKOM-Präsident und Datev-Chef Dieter Kempf oder GfK-CEO Matthias Hartmann – um nur einige wenige zu nennen – sie alle haben den Vergleich von Daten mit Gold oder Öl hinsichtlich der ökonomischen Bedeutung bereits bemüht. Doch wie es scheint, überlassen wir es in der praktischen Gegenwart eher den Tech-Konzernen aus den USA, diese immateriellen Bodenschätze zu heben. In Deutschland beschränkt man sich bislang auf die Rolle als Rohstofflieferant – in der Regel gegen Glasperlen. Schlimmer noch: Unvorstellbar, dass ein westlicher, marktwirtschaftlich geprägter Staat auf die Idee gekommen wäre, reichhaltiges Ölvorkommen um jeden Preis von der Vermarktung fernzuhalten, den Verkauf möglichst zu unterbinden, ja sogar unter Strafe zu stellen, anstatt aus diesem Ressourcenglücksfall einen Markt zu schaffen, der das ökonomische System beflügelt, für Wohlstand sorgt und somit über Besteuerung auch der öffentlichen Hand Einnahmen beschert. Würde dazu noch der Rohstoff an andere Staaten verschenkt, würden Konzessionen und unbegrenzte Zugriffsrechte auf die Ressourcen ermöglicht und sogar forciert – die politisch Verantwortlichen dürften normalerweise mit Schimpf und Schande aus dem Amt gejagt werden.

Der Unterschied zwischen Daten und Öl

Beim Öl und beim Gold wäre dieses Szenario schlicht undenkbar. Bei Daten jedoch passiert in Deutschland genau das. Während die inländische Wirtschaft in ein immer engeres Korsett gepresst wird, was die Verwendung von personenbezogenen Daten betrifft, unterliegen gleichzeitig aber deren internationale, vor allem US-amerikanische Konkurrenten aufgrund der internationalen Vernetzung naturgemäß nicht den selben Beschränkungen. Noch viel schlimmer jedoch: Eigentlich besteht die Aufgabe des Staates, ja im Schutz der Bürger und deren Interessen sowie darin, die ökonomische und gesellschaftliche Funktionsweise sicherzustellen. Tatsächlich aber beschränkt er Wirtschaft und Bürger in ihrer Handlungsfreiheit und ihren Rechten, protegiert er konkurrierende Unternehmen aus dem Ausland, wie Google und Facebook, sowie ausländische Geheimdienste wie die NSA im gleichen Maße. Ökonomisch führt dies zu einer Marktverzerrung zu Lasten der Unternehmen im eigenen Land, ja sogar zu staatlich unterstützter Industriespionage. Aus gesellschaftlicher Perspektive ist dies hingegen als Verramschung von Volkssouveränität und Rechtsstaatlichkeit zu werten.

Es bedarf einer Wertediskussion um die „Datenidentität“

Offensichtlich brauchen wir dringend eine Diskussion um den Wert und die Bedeutung von Daten in unserer immer digitaleren Welt: Wem gehören Daten? Wer ist ihr Eigentümer? Und wer hat das Recht diese zu vermarkten – derjenige, der sie erhebt und veredelt oder derjenige, in dessen „Sphäre“ sie angefallen sind? Die Rechtswissenschaft meint gemeinhin zumindest bei Personendaten hier klare Antworten geben zu können. Doch wie verhält es sich bei Maschinen- und Objektdaten im „Internet der Dinge“? Und lässt sich dann noch eine Trennung zwischen dinglichen und „menschlichen“ Daten vollziehen? Auch wenn die Bereitschaft in der Bevölkerung für einen entsprechenden Diskurs derzeit nicht allzu hoch ist und die digitale Kompetenz der politischen Entscheidungsträger in der überwiegenden Zahl der Fälle bei weitem nicht ausreicht, um substanziell an der Diskussion teilzunehmen: mit der Datenfrage berühren wir inzwischen die grundlegenden Prinzipien unserer „Freiheitlich Demokratischen Grundordnung“. Wenn Daten tatsächlich diese eminent hohe Bedeutung zukommt, ist es essentiell für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, dass wir bürgerliche Datenrechte und Selbstverantwortlichkeiten sowie den Schutz vor staatlicher Willkür und Missbrauch verfassungsrechtlich verankern.

Unternehmerisches Versagen bei der Datenwertschöpfung

Der Staat ist letztlich immer nur die Summe seiner Teile. Neben dem Wahlvolk tragen eben auch die Unternehmen ihren Teil der Schuld an diesem Problem bei. Viel zu lax wird mit dem eigenen „Datenvermögen“ umgegangen. Datengetriebene Geschäftsmodelle der Industrie, etwa in den Schlüsselsegmenten Maschinenbau und Automobil, jenseits von bloßer „Prozessoptimierung“ findet man selten. Gerade auch die Medienbranche offenbart hier eklatante Kompetenzprobleme: Im Kampf mit Google haben die deutschen Verleger ein mehr als zweifelhaftes „Leistungsschutzrecht“ mittels massivem Lobbyismus durchgesetzt. Dadurch sollen die Inhalte der Verlage besser geschützt werden. Gleichzeitig – trotz des „Daten-sind-das-neue-Öl“-Mantras – nutzt die überwältigende Mehrheit der deutschen Medienunternehmen Googles AdServer „Double Click“ zur Ausspielung von Werbung auf den eigenen medialen Plattformen. Damit erhält der Datenriese aus Mountain View den kompletten Zugriff auf deren sämtliche Nutzer – und wird dafür von den Verlagshäusern auch noch bezahlt. Während man also auf der einen Seite über das Recht an den Verpackungsmaterialien streitet, bezahlt man auf der anderen Seite noch dafür, Gold und Öl, das eigentliche Produkt, eimerweise verschenken zu dürfen. Paradox? Ja. Aber Realität im deutschen digitalen Klondike.

Der Beitrag erschien ursprünglich auf Nerdwärts.de

Big Data: Wie man Daten zum Klingen bringt – und warum

Die Älteren unter uns, die noch in der Lage sind, den süßen Klang des Einwahlprozesses eines 14.4er Modems pfeifend zu simulieren, mögen diesem Sujet vermutlich mehr Verständnis entgegenbringen. Unsere Generation hat frühzeitig gelernt, dass Töne immer auch stellvertretend für spezifische Informationen stehen können. Aber kein Generation-Y-Bashing an dieser Stelle: rohe, ungezähmte Technik, außerhalb der sicheren Grenzen selbsterklärender Nutzeroberflächen, war nun auch nicht gerade das Gelbe vom Ei. Es geht hierbei allerdings auch nicht um die schnöde „Sounderkennung“ à la Shazaam, der App, mit der man dem Namen nach unbekannte Ohrwürmer im Radio per Analyse des Klangmusters bestimmen kann, sondern um die klangliche Darstellung sowie die darauffolgende kognitive Dekodierung von – aufbereiteten – Daten wie Diagrammen und Infografiken.

Big Data, Smart Data – und Acoustic Data?

Was auf den ersten, äh, Blick seltsam scheint, hat durchaus Potenzial unsere Mediennutzungsgewohnheiten zu verändern – sofern die akustische Aufbereitung einen zusätzlichen Wert liefert. Dieser kann in erhöhter Usability bzw. dem „Ease of Use“ von Informationsangeboten, verbesserter Didaktik – Erzeugung von „A-Ha-Effekten“ – oder auch in weiterführenden Verarbeitungsprozessen auf akustischer Basis – dort wo es sinnvoller ist, mit Klangsignalen statt mit reinen Binärdaten, zu arbeiten – begründet sein. In der Folge möchten wir hierzu drei Praxisbeispiele vorstellen:

1. Immobilienindex als Arie

Der Case-Shiller Home Price Index gilt in den USA als einer der führenden Immobilien-Indizes. Als die Nachrichtenredaktion von npr („National Private Radio“), ein Zusammenschluss der nicht-kommerziellen US-Hörfunksender, über die neuen Monatszahlen auf dem Immobilienmarkt berichten wollte, sah sie sich wie so oft mit dem „Sinnes-Problem“ der Radioarbeit konfrontiert: Was prima in seiner visuellen Darreichungsform funktioniert – die Darstellung der Entwicklung in einem Diagramm oder einer Grafik – stellt die Berichterstattung auf rein akustischem Wege vor erhebliche Probleme. Kompensieren lässt sich dieser Nachteil gewöhnlich nur durch umfassende Verbalisierung, die einen womöglich simplen Sachverhalt durch wortreiches Beschreiben plötzlich übermäßig komplex erscheinen lässt. Bei npr behalf man sich mit einer ungewöhnlichen Vorgehensweise – die Intonation des Diagramms in der Kunstform des Operngesangs. Die Tonlage bildete dabei den Kurvenverlauf der Indexzahlen ab. Die Höhenflüge in den Jahren 2006/2007 werden damit genauso „erhörbar“ wie die darauffolgende Immobilienkrise und der damit einhergehende Preisverfall. Ein Jahrzehnt Preisentwicklung auf dem US-Eigenheimmarkt – gesungen als Oper:


2. Zieleinlauf der 100m-Olympiasieger im historisch-akustischen Vergleich

Die New York Times hat 2010 anlässlich der Olympischen Spiele sehr ausgiebig mit der akustischen Darstellung von originär visuell dargestellten Sachverhalten experimentiert. Vielleicht das eindrucksvollste Beispiel ist die Gegenüberstellung sämtlicher Zieleinläufe der Goldmedaillengewinner bei den Olympischen Spielen seit 1896. Beginnend mit dem schnellsten – Usain Bolt bei seinem Olympiasieg 2010 – wird jeder Olympiasieger entsprechend seiner Einlaufzeit mit einem Ton versehen. Es gelingt damit auf eindrucksvolle Weise, die auf dem Papier zwar eigentlich immensen Zeitabstände zwischen den Sprintern in Echtzeitrelation zu setzen und dadurch die spröden Daten und Fakten um eine „fühlbare“ Dimension zu erweitern.


3. Algorithmen beim sortieren zuhören

Eine weitere Anwendunsgmöglichkeit ist die Statusanzeige bei Datensortierprozessen bzw. die Unterscheidbarkeit von Algorithmen über akustische Signale. Um in den vollen Genuss dieser multimedialen Errungenschaft zu kommen, sollten Sie dringend ihre Lautsprecherboxen auf extralaut stellen und – ganz wichtig – die Untertitel im Youtube-Video einschalten.



    Der Artikel wurde ursprünglich auf nerdwärts.de veröffentlicht.

Der Körper als Wearable: die optoelektronische Haut

Gerade einmal 3 Micrometer dünn, kann der Hautfilm flexibel auf nahezu allen Körperstellen aufgetragen werden. Versehen mit ultraflexiblen dreifarbigen Polymerleuchtdioden („Polymer light-emitting diodes“, PLED) und organischen Fotodektoren (OPD) entsteht so eine „optoelektronische Haut“, die verschiedene elektronische Funktionalitäten ermöglicht. So können etwa Blutdruck und Sauerstoffgehalt im Blut gemessen und die Ergebnisse auf der Haut selbst angezeigt werden. Einsatzmöglichkeiten sind in der medizinischen Versorgung, beim „Health Tracking“ oder bei der Messung von Trainingsleistungen denkbar.

Smart e-skin display

Smart e-skin system comprising health-monitoring sensors, displays, and ultraflexible PLEDs. Quelle: Science Advances 15 Apr 2016: Vol. 2, no. 4, e1501856

 

Characteristics of ultraflexible PLEDs and OPDs. Characteristics of ultraflexible PLEDs and OPDs. Quelle: Science Advances 15 Apr 2016: Vol. 2, no. 4, e1501856

 

  Die Funktionsweise der Haut im Video (via new scientist): Quelle: Tomoyuki Yokota, Peter Zalar, Martin Kaltenbrunner, Hiroaki Jinno, Naoji Matsuhisa, Hiroki Kitanosako, Yutaro Tachibana, Wakako Yukita, Mari Koizumi, Takao Someya1 (2016): Ultraflexible organic photonic skin. In: Science Advances 15 Apr 2016: Vol. 2, no. 4, e1501856 DOI: 10.1126/sciadv.1501856 Der Artikel erschien ursprünglich auf nerdwärts.de

Künstliche Intelligenz: AI und ihre Tücken – Bilderkennung mit Microsofts CaptionBot

Microsoft Bilderkennung: Captionbot
Microsoft Bilderkennung: Captionbot

 

Microsoft hatte sich bereits vor einigen Wochen mit seinem AI-Bot „Tay“ gewaltig in die Nesseln gesetzt, als sich der „selbstlernende“ Algorithmus in kürzester Zeit durch entsprechendes Anfüttern der trollenden Community von einer freundlichen Smalltalk-Plaudertasche in einen handfesten und hasserfüllt geifernden Nazi entwickelte – was Microsoft bereits nach kurzer Zeit zwang, den Bot vom Netz zu nehmen.

Mit seinem CaptionBot beschreitet Microsoft erneut das schwierige Pflaster der „Artifiziellen Intelligenz“. Nutzer können auf www.captionbot.ai ein Foto aus ihrem eigenen Fundus hochladen und analysieren lassen. Nach meist nur wenigen Sekunden meldet sich der Bot mit dem Ergebnis, der Beschreibung des bereitgestellten Bildes, zurück. Der User wird dabei nicht nur als Übermittler des „Übungsmaterials“ eingespannt, sondern zudem aufgefordert, die Resultate per Click und „Sternvergabe“ zu bewerten. Diese Rückmeldungen fließen in die Fütterung des Algorithmus‘ ein, der sich auf diese Weise selbst verbessern, also auf Grundlage der Nutzerfeedbacks hinzulernen soll.   Das funktioniert teilweise ganz gut, wie die beiden folgenden Beispiele zeigen…

captionbotwineglassescaptionbotcity  

…und manchmal weniger gut, wie bei unserem Bild zum „Urban Gardening“ in Berlin:

Captionbot Urban Gardening  

Spaßeshalber haben ich mal mein Blog-Logo durch den Bot gejagt – das Nerdwärts.de-Logo wird als Gruppe von Bäumen erkannt – naja.

CaptionbotNWLogo  

Interessant auch das Ergebnis für mein Social Media Profilfoto: Immerhin vermutet CaptionBot richtigerweise mich als Motiv. Angeblich sehe ich aber zu 54% so aus wie der britische Late-Night-Talker John Oliver – ich bin mir noch nicht sicher, ob ich mich da geschmeichelt fühlen soll…

captionbot #profwag JohnOliver

Andere Nutzer durften sich über noch extremere Ergebnisse freuen:

  Auch das legendäre „blaue“ Kleid, das es zu Beginn des Jahres zum viralen Hit schaffte bereitet dem CaptionBot erhebliche Probleme:

  …fairerweise sollten man von AI allerdings auch nicht erwarten, dass sie Dinge versteht, die zu begreifen uns Menschen schon Probleme bereiten… ;-)

 

Künstliche Intelligenz: Potenzial und Grenzen

Das Beispiel des CaptionBot zeigt, dass Künstliche Intelligenz einerseits, trotz der beschriebenen Mängel, schon recht weit ist. Andererseits wird hieran auch deutlich, wo die Limitierungen und damit auch die vieldiskutierten Gefahren von AI liegen. Wenn Künstliche Intelligenz zur Entscheidungsfindung herangezogen wird, etwa in Fragen der Kreditwürdigkeit oder bei der Unterstützung der Personenfahndung, so müssen derartige Ausfälle absolut ausgeschlossen sein. Geschieht dies nicht, ist digitale Diskriminierung zwangsläufig die Folge. Der Artikel wurde ursprünglich auf nerdwärts.de veröffentlicht.