Wenn Digitalisierung blendet

Kontrolle ist gut – Vertrauen ist besser. Was idealistisch klingt, ist das Zukunftsrezept für gelungene Digitalisierung. Die sogenannte vierte industrielle Revolution kreiert eine Welt, in der alles und jeder schneller, präziser und effektiver arbeitet. Blendende Aussichten, keine Frage. Doch wer geblendet ist, sieht die Risiken nicht. Deshalb braucht es neue Ansätze für Sicherheit und Compliance.

Ohne auf die Euphorie- oder Innovationsbremse zu treten: Ein Erfolgsfaktor in einer Zeit voller fundamentaler Umwälzungen ist es, sich mit der Governance- und Compliance-Perspektive der Digitalisierung auseinanderzusetzen. Dass im Zuge dessen nicht nur Kulturen aufeinanderprallen, sondern auch völlig neue Sicherheitsanforderungen erwachsen, droht geflissentlich übergangen zu werden. Datendiebstahl, Hackerangriffe, das Ausspionieren geistigen Eigentums und viele andere Formen von Cyberkriminalität werfen Fragen auf, die bisher von den wenigsten Unternehmen strukturiert betrachtet, geschweige denn beantwortet wurden.

Was gerade geschieht
Komplettlösungen für die neu gestalteten Risiken in der Wirtschaft gibt es nicht. Das ist vor allem durch die hohe Komplexität und Dynamik der Einflüsse zu erklären, denen sich Entscheider täglich stellen müssen. Denn die Geschwindigkeit steigt und Kontrollverlust ist unvermeidbar, während der regulatorische Druck zunimmt. Konventionelle Ansätze, die allein auf Kontrolle setzen, können hier kaum Schritt halten. Sie werden viel kosten und wenig leisten – bis sie sich im Ernstfall als wirkungslos erweisen.

Wie sehen unter den veränderten Rahmenbedingungen wirkungsvolle Konzepte aus? Viele Aufsichtsfunktionen wandeln sich grundlegend angesichts der nächsten Generation von Datenverarbeitung und Big-Data-Technologie. Neue Detektionssysteme werden Milliarden von Daten in Sekunden auswerten können. Wo zuvor Regeln abgeprüft wurden, entstehen lernende Systeme, die sich nahtlos in die bestehende IT-Infrastruktur einfügen. Sie erkennen Ausnahmen, bilden eigenständige Muster, visualisieren Erkenntnisse in Echtzeit und können sogar Vorhersagen über die Zukunft treffen und geografisch verorten.

Worauf es ankommt
Es wäre dennoch ein fataler Fehler, sich blindlings auf Sicherheitsstrukturen und Compliance-Management-Systeme zu verlassen. Denn am Ende geht es nicht um analoge oder digitale Lösungen, noch nicht einmal um Technologie, sondern um menschliches Verhalten. Was nutzt ein ausgetüfteltes Regelwerk, wenn sich die Mitarbeiter nicht daran halten?

Hochleistungsfähige Technologien machen die Risikominimierung schneller, präziser und günstiger. Sie sind aber nur ein Baustein eines tiefer greifenden Wandels, der gute Führung und Sicherheitsvorkehrungen nicht als Pflichtübung versteht, sondern als Treiber von Wert und Werten des Unternehmens.

Verhaltensökonomische Ansätze verbinden die intelligente und unternehmensspezifische Risikominimierung mit neuen Führungsinstrumenten, beispielsweise indem man Incentive- und Anreizsysteme daran ausrichtet, wie sich der Einzelne in ethischen Dilemmasituationen verhält. Mitarbeiter werden dafür sensibilisiert, geistiges Eigentum und vertrauliche Daten zu schützen und Sicherheitslücken zu schließen. Vertrauen und Integrität spielen hier eine wesentlich wichtigere Rolle als Kontrolle.

Es ist eine Zukunftsaufgabe, den eigenen Ansatz genau in diesem Sinne zu verbreitern. Die Digitalisierung zeigt uns, dass sich die Instrumente durchaus drastisch verändern mögen, echte Prinzipien aber auch die schillerndsten technologischen Revolutionen überdauern.

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