Was die Industrie vom Handel lernen muss

Fest steht: Kaum ein Resultat der Digitalisierung war für Endkunden so konkret greifbar, wie die digitale Transformation des Handels. Die rasche und flächendeckende Versorgung mit schnellem Internet traf die Branche mit einer gewaltigen Wucht, die sie radikal umkrempeln sollte. So kam es zu einer Verschiebung weg vom stationären Handel und hin zu einer konstant wachsenden Dominanz des eCommerce in nur wenigen Jahren. Inzwischen erwartet die deutsche Internetwirtschaft für 2017 einen Umsatz von 55 Milliarden Euro, im Jahr 2019 sollen es bereits 70 Milliarden sein.

Gleichzeitig zeigen die aktuellen Entwicklungen im Handel aber auch, dass die anfängliche Angst vor dem Aussterben des lokalen Handels „vor Ort“ nicht einzutreten scheint. Im Gegenteil: Für stationäre Händler ergeben sich neue Chancen und Symbiosen – man denke nur an die nahtlose Verbindung von Online- und Offline-Handel am Point of Sale, die die zunehmende Verflechtung beider Welten sichtbar macht. Zahlreiche Beispiele aus dem Handel belegen immer wieder, wie die traditionelle Aufteilung in online und offline zunehmend zerfällt, wenn beispielsweise bestehende Ladenkonzepte um digitale Angebote erweitert werden, oder ehemals reine Online-Händler plötzlich Filialen in den Innenstädten eröffnen. Gerade mit dem Einsatz von VR-Technologien erzeugen Händler ein neues und umfassendes Markenerlebnis und machen die Nutzer zum Teil der Geschichte. Das beeinflusst das Konsumentenverhalten und beflügelt den Visual eCommerce aktuell sehr deutlich.

Impulse aus dem Handel

Die disruptive Dynamik, die im Retail längst Einzug gehalten hat und einen massiven Fokus auf kundenzentrierte Geschäftsmodelle in sich trägt, hat auch die Industrie erfasst und verändert die Art wie Industrieunternehmen operieren. Klare Indizien dafür sind beispielsweise innovative „As-a-Service“-Modelle, die sich bereits seit einigen Jahren wachsender Beliebtheit erfreuen. Entsprechend wichtig erscheint es also, als Unternehmen hier am Ball zu bleiben und einen Blick über die eigene Branche hinaus zu wagen. Speziell der Handel und die Entwicklungen, die er vollzogen hat, können hierbei als instruktives Vorbild dienen. Konkret lassen sich bezüglich der Verknüpfung von Offline- und Online-Aktivitäten sowie des systematischen Einsatzes von Data Analytics insbesondere für die Unternehmensbereiche Marketing, Kundenservice und Sales wertvolle Erkenntnisse ableiten. Aber auch die sogenannten „Blue Collar“-Bereiche wie Fertigung oder Logistik können vom Handel lernen, etwa was den wertschöpfenden Einsatz mobiler Endgeräte im Business-Umfeld anbelangt.

Insgesamt zeigt die Entwicklung des Retails aber auch, dass strategische Partnerschaften in Zukunft immer wichtiger werden, wenn es darum geht, wahrgenommen zu werden und für die Kunden weiterhin relevant zu sein. Ähnlich wie die großen Industriegiganten, kämpfen die klassischen Händler schon länger damit, im digitalen Zeitalter weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben. Sie mussten und müssen weiterhin aktiv nach neuen Geschäftsmodellen und Nischen suchen, um den Kunden einen Mehrwert bieten, den sie so bislang nicht erfahren haben. Die Idee scheint zu funktionieren: Drei von vier Kunden möchten auch in Zukunft weiterhin im Laden einkaufen können (KPMG), 75 Prozent der Deutschen kaufen mindestens einmal im Monat in einem „analogen“ Laden ein (PwC). Und auch jüngere Konsumenten zwischen 18 und 24 Jahren bekennen sich weiterhin zu den Geschäften auf der Straße (PwC) – kein Wunder also, dass 2016 in Deutschland über 6 Milliarden Euro in den Bau klassischer Geschäfte investiert wurde (EHI Retail Institute).

Auch sämtliche Zweige der Industrie sehen sich mit neuen, oft rein digitalen Wettbewerbern konfrontiert. Man denke nur an die Automobilindustrie, die plötzlich mit Google und Tesla konkurriert, oder die Logistik, die in großen Online-Händlern durchaus eine Bedrohung ihres Geschäftsmodells sieht. Sogar etablierte Energieanbieter müssen sich Gedanken machen, wie sie gegenüber Start-Ups beispielsweise beim Thema Smart Grid weiterhin punkten können. Kunden wünschen sich in jedem Fall optimale Services und innovative Customer Experiences – in diesem Zusammenhang beweist das Beispiel Retail, dass Konkurrenz das Geschäft nicht nur beleben, sondern sogar verbessern kann.

Appell an die Industrie

Die Digitalisierung eröffnet jedoch keinesfalls nur Anbietern, die quasi aus dem „Nichts“ kommen, neue Chancen – speziell das Internet of Things befähigt Industrieunternehmen durch die intelligente Vernetzung von Produktionsprozessen dazu, völlig neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und sich dadurch neue Märkte und Kundengruppen zu erschließen. Damit dies gelingen kann, muss rechtzeitig in entsprechende Technologien investiert werden; allerdings zeigen Studien immer wieder deutlich, dass gerade Deutschland in Sachen IoT-Investitionen meist eher zurückhaltend agiert. Daher appelliere ich stark an die Industrie, die folgenden Punkte in Zukunft umzusetzen:

  • Die Online-Welt muss sinnvoll und innovativ mit der Offline-Welt gekoppelt werden;
  • Daten und Analyse-Tools sollten intelligent und umfassend eingesetzt werden, um so neue Geschäftsmodelle zu entwickeln;
  • Es braucht strategische Partnerschaften über Branchengrenzen hinweg;
  • Die Einbindung neuer Technologien wie Smart Signage oder Augmented und Virtual Reality sollte fest in der Unternehmensstrategie verankert werden.

Sicherlich steht die Industrie im Zuge von Digitalisierung und Vernetzung vor ganz eigenen Herausforderungen. Nicht jeder Erfahrungswert aus dem Handel lässt sich eins zu eins übertragen; dennoch kann es hilfreich sein, den Blick über den Tellerrand hin auf andere Branchen zu richten, um in Zeiten massiver Umbrüche flexibel und wettbewerbsfähig zu bleiben. Ich wage zu behaupten, dass die Digitalisierung der Industrie in den nächsten Jahren noch mehr an Geschwindigkeit zulegen wird – wer hier nicht rechtzeitig auf den Zug aufspringt, landet auf dem Abstellgleis. Absolute Grundvoraussetzung für das Meistern aller künftigen Herausforderungen wird es in jedem Fall sein, geltende „Wahrheiten“ und Muster zu hinterfragen und neue Perspektiven zu wagen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.