Industrie 4.0: die ungeklärte Revolution – Teil 3

5. Wem gehören die Daten?

Die cyber-physischen Systeme von Industrie 4.0 betreffen die Smart Factory, zugleich sollen sie auch für eine enge Vernetzung und umfassende vertikale Integration der gesamten Supply Chain sorgen. Hersteller entlang der gesamten Wertschöpfungskette werden viel stärker miteinander kooperieren müssen als bisher. Auch Kooperationen mit Wirtschaftsverbänden, politischen Entscheidern und sogar Wettbewerbern werden eine Rolle spielen. In der Industrie 4.0-Welt lautet die Frage nicht mehr, wie stark die Spinne ist, sondern: Wie stark und groß ist ihr Netz? Die horizontale Integration der Supply Chain wirft auch die Frage auf, wem die Daten gehören und wer von ihnen profitieren darf. Eine Industrie 4.0-Welt ist eine Welt von Big Data. Die Macht etwa von Google beruht darauf, auf einen wertvollen Datenschatz zugreifen und ihn heben zu können. Fragen von Datenschutz und Datensicherheit erhalten vor diesem Hintergrund neue Relevanz. Es wird Aufgabe des Gesetzgebers sein, für Klarheit über die Rechtssituation zu sorgen: Wer darf auf Basis welcher Daten welchen Prozess entlang der Supply Chain mit welchen Zugriffsrechten auslösen und steuern? Und wer trägt dabei welche Verantwortung?

6. Keine Vernetzung ohne Cyber Security

In der Welt von Industrie 4.0 und des Internet of Things ist es nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel, dass Produktionsanlagen und Produkte über Schnittstellen zum Internet verfügen. Dass sich heute schon ganze Produktionsanlagen standortunabhängig, sozusagen per iPad, steuern lassen, ist sicherlich ein Fortschritt, stellt aber auch ganz neue Anforderungen an die Sicherheit. Wollte ein Saboteur in Zukunft beispielsweise die Auslösekennlinie eines Leistungsschutzschalters verändern und damit Schaden für Menschen, Maschinen und Gebäude verursachen – beispielsweise eine Feuergefahr –, müsste er sich gegebenenfalls nur über das Internet ins System hacken. Cyber-physische Systeme vor unautorisierten Zugriffen und Fehlsteuerungen zu bewahren, ist eine enorme Herausforderung – weil die Systeme umfassend vernetzt und enorm flexibel sind. Es braucht darum ein völlig neues Zusammenspiel von Betriebssicherheit (Safety), Datenschutz (Privacy) und Informationssicherheit (Cyber Security) – all diese Sicherheitsaspekte müssen in den Komponenten und Systemen integriert sein. Im Kontext von Industrie 4.0 hat Cyber Security eine sehr reale, physische Dimension. Die Vulnerabilität umfassend vernetzter Produktionssysteme gegen Angriffe von außen kann zu physischen Gefahren und Risiken führen – vom Feuer bis zum elektrischen Schlag. Alle Eingriffe in die Cyber-Seite eines cyber-physischen Systems haben potenziell auch Auswirkungen auf seiner physischen Seite. UL arbeitet deswegen zusammen mit unabhängigen forschenden Partnern daran, die beiden Sicherheitsdimensionen stärker miteinander zu verbinden: die neuen IT-Standards und -Protokolle einerseits mit den traditionellen elektrischen Sicherheitsstandards und den funktionalen Sicherheitsanforderungen andererseits. Dennoch: Viele Fragen, die die Sicherheitsanforderungen an eine umfassend vernetzte und entsprechend verwundbare Industrie 4.0-Welt betreffen, sind noch nicht einmal formuliert, geschweige denn beantwortet.

7. Fazit: Ein weiter Weg

Es ist die große Aufgabe von Forschung, Wirtschaft sowie Normierungs- und Zertifizierungsunternehmen, gemeinsam die Sicherheitsanforderungen an die dynamische Industrie 4.0-Welt und das Internet of Things zu definieren. Von Standards, die die cyber-physikalischen Systeme der Zukunft erfüllen müssen, sind wir noch ein ganzes Stück entfernt. Jetzt – noch ganz am Anfang der vierten industriellen Revolution – ist schon viel gewonnen, wenn wir die zahlreichen blinden Flecken umreißen, Forschungsschwerpunkte identifizieren und sinnvolle, zielführende Fragestellungen formulieren. Bei der Umsetzung von Industrie 4.0 sind wir ebenso am Anfang wie bei der Lösung der damit verbundenen Sicherheitsfragen. Die intelligente, umfassend vernetzte Industrie 4.0-Welt eröffnet völlig neue Chancen. Um sie zu nutzen, müssen wir auch die Risiken der Revolution in den Griff bekommen. Ist es noch ein weiter Weg – aber es lohnt, ihn zu gehen.

Hier geht es zum zweiten Teil des Artikels „Sicherheit als Herausforderung für eine Industrie 4.0-Welt

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