Was wir wirklich brauchen: das Manifest für die vernetzte Wertschöpfung

1. Neue Begriffe und anspruchsvolle Inhalte

Ob der Begriff „Industrie 4.0“ verbraucht ist oder nicht – er trifft nicht den Kern der Botschaft. Er reduziert das Thema unzulässiger Weise auf die Fabrik. Wir brauchen eine neue Bezeichnung für das, was zu tun ist. In diesem Zusammenhang braucht es nicht nur Klarheit sondern auch anspruchsvolle Begriffsstandards. Denn nicht alles ist disruptiv oder revolutionär. Damit wird der derzeit zu beobachtenden Banalisierung der Inhalte und Verwässerung der Begriffe Einhalt geboten, die die Gefahr in sich trägt, zu glauben, man sei fertig, obwohl man doch gerade erst begonnen hat. Auch muss die Sprache des Mittelstands gesprochen werden, statt die Sprache der Forschung, der Verbände und der Politik.

2. Freiheit von Angst und Dogmen

Angst ist ein schlechter Ratgeber. Deshalb ist ein kühler Kopf und eine nüchterne Sicht auf die Dinge zwingend geboten. Nicht alles ergibt einen Sinn. Eine eigene konstruktiv-kritische Meinung zu diesem Thema ist notwendig – anstelle von Dogmen und unreflektiertem Nachbeten des Gehörten. Dann werden auch die Ahnungslosen und die Trittbrettfahrer das Feld räumen.

3. Perspektivwechsel

Die Diskussion um die vernetzte Wirtschaft muss aus dem kleinen Karo der Fabrik heraus. Das Thema darf nicht länger einseitig aus der Perspektive der Technologie und der Fabrik diskutiert werden. Das alleine ist noch nicht sinnstiftend. Man würde damit die Fehler von CIM und von Lean Production wiederholen, indem man Lösungen einführt, ohne das zugehörige Problem zu kennen und ohne Vision einer Produktion von morgen.

Die derzeit diskutierten Methoden und Lösungen basieren nahezu ausschließlich auf alten Geschäftsmodellen. Auch deswegen müssen wir aus der Technikecke herauskommen und das Thema vom Markt her denken. Es geht darum, sein eigenes Geschäftsmodell zerstören und etwas Neues aufzubauen. Neue Geschäftsmodelle müssen den sich abzeichnenden Paradigmenwechsel reflektieren.

So führt der demographische Wandel und der schleichende Qualitätsverlust in der beruflichen und akademischen Ausbildung dazu, dass immer weniger Menschen hochqualifiziert sind. Wir können uns nicht mehr erlauben, diese Menschen Kundendaten in Listen eintragen und diese durch den Betrieb befördern zu lassen, bevor mit der eigentlichen Wertschöpfung begonnen wird.

Darüber hinaus zeigt sich ein Wandel von Besitz zu Nutzung ab. Der Produzent muss wissen, was das Produkt tut und neue Angebote erzeugen. Der Nutzer muss aber auch die Gelegenheit haben, dieses Produkt weiterzuentwickeln und hiervon wirtschaftlich zu profitieren.

4. Einbindung in die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts

Ford war bereits vor mehr als einhundert Jahren weiter, als die Protagonisten von Industrie 4.0 heute – er wusste nämlich, warum er es tat. Er hatte eine Vision und machte sich die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Nutze. Gleiches gilt für Toyota.

Die beiden von Ford und von Toyota ausgelösten geistigen Revolutionen entstanden in einem dazugehörigen Kontext und haben die Technik nicht als Selbstzweck verstanden, sondern gezielt für sich genutzt. Über allem stand eine Vision, eine Idee. Beiden ist gemein, dass es ihnen nicht nur um bloße Performanceverbesserung, sondern um Märkte und Menschen ging. Genau diese Vision benötigen wir heute, sonst bleibt die Vernetzung des Digitalen genau der Selbstzweck, den Ford und Toyota ausdrücklich nicht betrieben haben, und damit äußerst erfolgreich waren.

Das Verhältnis von Kunden, Produzenten und Lieferanten wird derzeit neu verhandelt. Der Stellenwert von Produkten und die Rolle der Fabriken stehen zur Disposition. Auf all dies sind Antworten zu liefern, die über die Vernetzung von Maschinen und Werkstücken weit hinausgehen. 

Denn die Produktion, wie wir sie derzeit kennen verliert die Hoheit nicht nur über die Wertschöpfung, sondern auch über die Produktentwicklung. Sie wird in die Städte wandern, wo sich die Kreativität konzentriert. Kleinere Einheiten – MiniFabs – oder gar Maker-Werkstätten, in denen die Menschen ihre Produkte selber herstellen, werden das Bild der Produktion von morgen mit prägen.

Die nächste industrielle Revolution hat erst dann diese Bezeichnung verdient, wenn sie ihren Nutzen für den Menschen nachweist. Sie sollte aus dem derzeit disponiblen und im Zweifel entbehrlichen Produktionsfaktor Mensch den eigentlichen Zweck der industriellen Produktion machen. Den Wertschöpfungsprozess – ganz gleich ob dieser in Fabriken oder außerhalb stattfindet – als Katalysator begreifen für die Weiterentwicklung der Persönlichkeit des Einzelnen und der Gesellschaft insgesamt.  

5. Den Wandel gestalten

Der Erfolg dieses Wandels hängt nicht von der Anzahl der Arbeitsgruppen, Exzellenz-Clustern und Initiativen ab, sondern von dem richtigen Denkansatz. Und wenn dieser nun einmal falsch ist, was man für Deutschland bislang noch weitgehend annehmen darf, dann können im Wochentakt neue Gremien geschaffen werden – dem Ziel kommt man damit nicht näher.

Hinzukommt, dass die geforderten völlig neuen Geschäftsmodelle nicht in einer Umgebung entstehen können, wie sie in vielen Deutschen Unternehmen vorherrscht. Einer Umgebung, die geprägt ist durch starre Strukturen und ausgeprägte Hierarchien. Einer Umgebung, in der Erfolg erste Managerpflicht ist, in der Scheitern verboten ist, und mit Karriereende bestraft wird. Einer Umgebung, in der von außen aufgenötigte Renditeversprechungen zu allgemeiner Risikoscheu führen.

Wer in einer solchen Umgebung eine entsprechende Arbeitsgruppe einrichtet hat schon verloren, denn sie agiert im Umfeld von Projektzielen und -budgets, eingepfercht in Meilensteinmeetings und kritisch observiert von Review Boards.

Das Thema gedeiht ausschließlich auf der grünen Wiese und sein Dünger ist die Anarchie – nur so entsteht wirklich Revolutionäres.

Doch wie auch immer wir dieses Kind der Revolution nennen – wir dürfen es nicht gleichsetzen mit der Fabrik der Zukunft. Die Fabrik der Zukunft ist weit mehr als Technik. Sie muss flüchtig und lernfähig sein und hat eine völlig andere Aufbauorganisation, wenn überhaupt. Sie muss ein offenes System sein, deren Mitarbeiter und Partner in temporären Netzwerken tätig sind. Vor dem Hintergrund des Arbeitens bis weit in das achte Lebensjahrzehnt hinein wird es ein neues Verständnis von Karriere geben müssen. Dazu passt, dass angesichts überall verfügbarer Informationen Fachkompetenz in der Fabrik der Zukunft kein Differenzierungsmerkmal mehr sein wird. Selbstverständlich muss es auch neue Arten des Denkens und des Lernens geben. Und ganz nebenbei: Die Betriebswirtschaftslehre, wie wir sie kennen hat abgewirtschaftet und ist neu zu erfinden. Das alles sind gewaltige Dinge, die aber nicht von alleine geschehen – sie müssen erarbeitet werden. Von daher wäre es ein grober Fehler, sich mit nichts anderem zu beschäftigen, als der Vernetzung digitaler Objekte. Dies ist ein einzelner, wenn auch wichtiger Baustein der Fabrik der Zukunft – mehr aber auch nicht.

Ja, die Vernetzung des Digitalen wird die Welt verändern. Deshalb müssen wir gedanklich endlich die Technikecke verlassen und das Thema von der Gesellschaft und vom Markt her denken. Dies muss sich in neuen Geschäftsmodellen abbilden und bedarf der Bereitschaft, das Bestehende unsentimental zu zerstören, statt es linear fortzuschreiben.

Wir haben nur dann eine Chance auf Erfolg, wenn wir uns die Frage stellen, wie wir zukünftig wirtschaften, arbeiten und leben wollen und aus den Antworten die richtigen Schlüsse ziehen.

 

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